Samstag, 5. September 2020

Aspekte einer authentischen Figur

Figuren entwickeln


Hallo an alle,

Diesmal ist das Augenmerk auf die Figuren eures Textes gerichtet. Was macht sie authentisch, wie werden sie entworfen? 
Hier der Hinweis: Das sind Tipps und keine Non-Plus-Ultra-Formel mit dem Anspruch die einzige Wahrheit. 😉
Wenn ihr es anders macht, dann schreibt eure Vorgehensweise gern für alle in die Kommentare. Viele Wege führen nach Rom und für manch anderen ist der eure Variante die bessere.

Welche Arten von Charakteren gibt es?


Grundsätzlich existieren zwei Typen von Figuren: Hauptcharaktere und Nebencharaktere. Ich erweitere das gern zusätzlich um Statisten.

Die Hauptcharaktere sind die, die der Leser begleitet und die einen großen Anteil an der Geschichte einnehmen. Sie sind die Hauptrollen. Eine definierte Grenze gibt es nicht. Sie zeichnet aus, dass sie merklich zur Handlung beitragen.

Die Nebencharaktere haben zwar einen größeren Anteil, aber sie sind eher die helfenden Freunde, Familie, Kollegen oder die kleinen Fische des Antagonisten. Hier fallen auch die rein, die ich als Statisten extra aufführe.

Statisten sind die Charaktere mit nur einem Auftritt. Das streitende Pärchen im Kaffee, der Junge, der mit dem Skateboard rücksichtslos durch die Fußgängerzone rast, das ewig schreiende Baby im Bus. Sie machen eine Szene lebendig und können bei der Ausarbeitung eines Haupt- oder Nebencharakters helfen, indem sie Reaktionen in diesen hervorrufen.

Wie werden Figuren lebendig?


Hier gibt es unzählige Möglichkeiten. Ich stelle einige vor und ihr schaut, ob etwas für euch praktikabel ist.

Vergangenheit


Wichtig bei Haupt- und Nebencharakteren ist die Geschichte dahinter. Wir alle sind das Ergebnis unserer Erfahrungen. Ich persönlich baue in Texte kurze Ausflüge in die Vergangenheit ein. Dafür reicht ein Nebensatz.
„Die ganze Nacht bellte der Hund der Nachbarn unaufhörlich, der mich an unseren dauerkläffenden Terrier aus meiner Kindheit erinnert.“
Schon wissen wir, die Person hatte einen Hund und so, wie ihn das ständige Bellen nervt, war es wohl auch der einzige Hund gewesen. Manchmal ergeben sich solche Szenen auch erst beim Schreiben, aber eine Vergangenheit, die zumindest die prägnanten Wesenszüge und wichtigen Entscheidungen begründet, sollten dir bekannt sein, auch wenn sie nie den Weg in den Text finden.

Stärken und Schwächen


Wichtig ist es, sich zunächst Stärken und Schwächen zu überlegen, bevor ihr euch ins Getümmel stürzt. Der Charakter könnte ein Meister im Schwertkampf sein und es auch mit mehreren Feinden aufnehmen. Oder ist er ein guter Stratege? Dann wird er den Gegenüber auf Trab halten. Es kann sein, dass der Charakter ungeschickt ist. Um- und herunterfallende Gegenstände sind dann ebenso vertreten, wie stolpern oder fallen. Vielleicht ist der Charakter ein Ass im Sprint, aber nicht ausdauernd. Dann entkommt der Dieb, der Vorsprung hatte. Jeder Mensch hat Stärken und Schwächen, das sollte sich auch bei den Figuren widerspiegeln.

Charaktereigenschaften


Die Charaktereigenschaften ergeben sich oft aus dem bisher erlebten, aber nicht nur. Es gibt mehrere Online-Persönlichkeitstests. Was verbietet, diese heranzuziehen? Hier sollten positive und negative Eigenschaften zu finden sein. Wichtig ist auch, diese Charaktereigenschaften im Text einzubauen. Hier mal zwei Beispiele:

„Seine Chefin sah ihn an wie ein überlegenes Raubtier - lauernd und wohl wissend, dass sie die Macht hatte. Und sie war sauer.
‚Ein solcher Fehler darf nicht passieren!‘ Sie hielt ihm das Blatt mit dem Zahlendreher vor die Nase. Er schluckte, ihm wurde heiß und unbehanglich zupfte er an seiner Kleidung herum.
‚Ich ... Es tut mir leid. Das kommt ... nie wieder vor‘, brachte er gequält hervor.“
Diese Person ist eindeutig nervöser Natur, hat wenig Selbstvertrauen und neigt schnell zu Angstreaktionen.

„Seine Chefin sah ihn an wie eine überreife Tomate. Ihr Kopf war feuerrot und sie schien jeden Moment zu platzen. Sie war immer so schnell sauer und meinte, die Chefin raushängen zu lassen. Innerlich verdrehte er die Augen, als er sah, dass sie ihn ansteuerte.
‚Ein solcher Fehler darf nicht passieren!‘ Sie hielt ihm das Blatt mit dem Zahlendreher vor die Nase und er ergriff es. Er musterte es, aber eigentlich war es ihm gleichgültig.
‚Ok‘, meinte er nur und wandte sich seiner Arbeit wieder zu. Ändern kann er ohnehin nicht mehr wirklich etwas.“
Diese Person ist deutlich selbstbewusster, offenbar aber auch eher unmotiviert. Sein Verantwortungsbewusstsein ist nicht groß.

Eigenheiten


Jeder hat Marotten, die ihn auszeichnen. Der eine verzieht einen Mundwinkel beim Lügen, die andere streicht sich immer wieder die Haare hinters Ohr und der Nächste räuspert sich nach jedem Satz. Während sich eine Figur ständig in edles schwarz kleidet, läuft die andere mit neonfarbenen Oberteilen herum. Dann gibt es noch diese eine Person, die vermutlich selbst mit einem Kaffeebecher in der Hand ins Bett geht und die Frau, die 90 Prozent des Tages Kaugummi kaut. Und habt ihr schon gemerkt, dass der gestandene Kerl seine Kartoffeln zerdrückt wie ein Kind?
Wir alle haben unsere ganz individuellen Eigenheiten, also gebt euren Figuren auch welche.

Motivation


In der Psychologie gibt es den Begriff explizites und implizites Motiv. Es gibt mehrere Motive und oft sind sie bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt. Sie sind der Ursprung für die Motivation (innerer Antrieb) unseres Handelns. Dabei ist das explizite Motiv orientiert am Ergebnis (Selbstdarstellung)und das implizite Motiv an der Tätigkeit. Das klingt schwer, ist es aber nicht. 😉

Das erste ist das Leistungsmotiv. 
Das explizite Leistungsmotiv ist die ergebnisorientierte Motivation. Das Ergebnis ist hier, der Beste zu sein. Spitzensportler, Geschäftsführer, Kanzler - nur das Beste ist gut genug. Dieses Motiv ist häufig bei Karrieremenschen zu finden.
Beim impliziten Leistungsprinzip geht es um die Tätigkeit selbst. Dieser Antrieb ist die Freude am lernen und sich stetig zu verbessern. Dieser Person ist nicht wichtig, der Beste zu sein, sondern nur, sich nach und nach zu verbessern und Fortschritte zu machen.

Das zweite ist das Machtmotiv
Beim expliziten Machtmotiv ist das Ziel, Einfluss und Macht zu haben. Es geht nicht darum, der Beste zu sein, sondern die Kontrolle zu haben. Solche Leute werden hohe Ämter begleiten. Sei es nun der Politiker, der Elternsprecher oder das Vorstandsmitglied.
Das implizite Machtmotiv ist das positive Gefühl, dass das Kontrollieren und Lenken auslöst. Dies kann bei Situationen oder Menschen sein. 

Zum Schluss gibt es noch das Anschlussmotiv
Beim expliziten Anschlussmotiv ist es wichtig, beliebt zu sein. Viele Freunde, eine Familie - das ist das Ziel. Hier finden sich oft die Familienmenschen wieder.
Das implizite Anschlussmotiv umfasst die Befriedigung bei sozialer Interaktion. Mit anderen treffen, sprechen, kuscheln und weitere Tätigkeiten treiben diesen Menschen an.

Fazit


Wichtig ist bei authentischen Figuren, mit ihnen Menschen zu schaffen mit all ihren Farben und Facetten. Wie genau das dann schriftlich umgesetzt werden kann, wird Inhalt eines eigenen Posts sein. Ich hoffe, ein paar dieser Punkte bringt euch voran. Habt ihr Erfahrungen mit diesen Tipps gesammelt oder andere Hinweise, dann lasst gern ein Kommentar da. 😉

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